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sammeln - erzählen - sich zeigen

(der beitrag wurde geschrieben auf einladung der texte zur wirtschaft und erschien dort erstmals am 25.09.02)

0. bloggen - warum? wie? seit wann? ............. und so fort...
gefragt. nachgedacht. geantwortet.
und das kommt dabei heraus.
sätze. splitter.
eine fadenverknüpfung (ich ist ein knoten im netz und denkt in viele richtungen hinaus.)

warum? wie? seit wann? und so fort.
nur persönlich. nur ich über meine art zu bloggen. was es mir ist. was es mir bedeutet. seit zwei jahren.
überall anders anders.
das linken, die informationen, themenblogs usw. meins ja auch. natürlich. sicher die hauptsächlichen aspekte beim bloggen.
hier ein ganz persönlicher. ganz & gar. it's me.
darum kreist alles. warum? also.

1. ich bin ein schreibender mensch.

erst das schreiben erschafft meine realität.
nur was ich schreibe, wird wirklichkeit, wird real, wird zu meiner geschichte. ich schreibe, also bin ich.

2. mit dem bleistift auf papier, in notizhefte. dann auch mit der mechanischen reiseschreibmaschine - meiner monica! - heißgeliebt. die denselben namen trägt wie die beste freundin. auch eine fadenverknüpfung im raum.

3. schreiben & die beste freundin.
einige lange einsame jahre des studiums. räumliche entfernung. kein telefon. (sprechen ist ohnehin etwas ganz anderes.) wie also sich mitteilen? nähe teilen?
klassisch. briefe. täglich gewechselt. seitenlang. 15 seiten keine seltenheit. schreiben, abschicken, die antwort erwarten. schreiben über gelesenes, gedachtes, erlebtes.
über "die freiheit" und "das gartenhaus". philosophie, liebe & sex.
ein hin und her. was habe ich gelesen? was denke ich darüber.
was habe ich erlebt? das will ich erzählen.
mitteilungsbedürfnis im einsamen zimmer.
erzählen, lesen, kommentieren.
verschiedene rollen einnehmen.

4. die wirklichkeit als das erlebte. der briefwechsel, der das in unserer erinnerung verankert. zu geschichte macht. meiner. ihrer. unserer.

5. ich, ja natürlich. wer sonst? ich ich ich. immer schon sammlerin + archivarin, alle briefe kopiert, chronologisch abgelegt. viele dicke grüne mappen in meinem regal. immer wollten die freundin und ich diesen briefwechsel veröffentlichen. aber "die Frage des Zuhörens [trat] noch nicht ein".

6. schreiben. klärt meinen gedankenfluss, der täglich. & immer überborden will.
wenn ich etwas aufschreibe, aufschreiben muss, jetzt zum beispiel, diesen text im entwurf, mit bleistift auf weiße leere blätter bei freunden an einem samstagnachmittag, weil ich keinen rechner zur hand habe, muss ich meine gedanken klären. aus dem fluss fischen. man kennt das ja.

7. schreiben. erinnern.
gedankenfluss, ideenfluss im hirn. täglich. stündlich. minütlich. droht alles gewesene, gedachte, empfundene mit sich zu spülen in das weltenmeer meines vergessens. gedankenfluss in meinem hirn also, etwas kommt an die oberfläche, blitzt auf, wird erkannt und - wieder nach unten gespült, weil anderes nach- und nach oben drängt. gedanken vermischen sich, eins tut sich mit einem anderen zusammen, ein drittes entsteht usw.
so ist es immer. täglich stündlich minütlich.
wenn ich nicht schreibe.
schreibend kann ich herausfischen & mir erhalten. einzelne gedanken. bleiben mir erhalten in dieser einmaligen augenblicklichen form. abgelegt und abgeheftet. und ich kann sie - beruhigt, selbstvergewissert - wieder in den strom entlassen. das kennt man ja auch.

später also, so wie heute, blättern durch einen teil meines lebens? nein. ich lese vergangene gegenwärtigkeiten meines ichs. ja, wenn man sich fassen könnte.

(vergisst man sich denn, wenn man nicht bloggt?)

sammeln also & erzählen. sich sammeln. sich erzählen. & zeigen. sich selbst & fremden.

8. aber es hat immer etwas mit dem schreiben zu tun.

9. & für wen schreiben?
"ich schreibe für mich und fremde".

10. das seit wann? auch hier kommen verschiedene fäden zusammen:
meine leidenschaft für (print-)magazine.
die kopierten eigenversuche früherer tage. & ein bereits lange vorhandener name. berühmte vorbilder und ein interview im netz entdeckt. schon immer gerne spannende dinge ausprobiert. eine vergleichsweise neue wohnsituation. ein abend im september allein zuhaus, vor dem offenen fenster zur welt. zufällig.
ausführlicher bereits erzählt.

11. zwischendurch. diese fragen hier stellt man sich ja immer wieder. die antworten verändern sich. so simpel. aber nachzulesen.

12. manchmal hat man alles bereits gesagt.

13. wie? das ist spannend.
ich schreibe anders. ich denke anders. seitdem. seit ich blogge.
ich schreibe nicht nur, sondern ich denke immer mehr hypertext. gedankenexkurse schieben sich ein durch ein einzelnes wort, als sei es ein link. die papierblätter müssten grösser sein. ich verteile die sätze räumlich auf den bögen, kreise worte ein, verweise mit pfeilen.
aber es geht noch weiter. ich gehe weiter. eigentlich will ich alles anklicken. virtuell sozusagen. wo ich gehe & stehe. durch die strassen. oder über die wiese. ich sehe das noch gerade grüne gras und denke "gras" als wäre es ein unterstrichener link. der bei onClick ein fenster in der landschaft öffnet. mit einer reportage über gras. und weiterführenden links natürlich. folgte ich einem von ihnen, stiege also durch das fenster - wo wäre die nächste station?

14. "landen", ankommen, gab es ja noch nie. es ist schon immer ein einziges unterwegs sein. im bloggen findet es einen ausdruck. ein stehender sturmlauf, der sich materialisiert. ich, wie gesagt, eine fadenverknüpfung, ein knoten im raum.

15. & ja. bloggen ist raum einnehmen. ganz einfach.
unbeschriebene seiten. stehen mir unbegrenzt zur verfügung. begrenzt nur durch mich.

16. das denken scheint sich zu verändern, scheint "bewußter" zu werden. also die wahrnehmung des denkens. als würde ich meinem hirn bei der arbeit zusehen, würde zusehen, wie der impuls auf eine nervenzelle trifft und sich vielfältigst verzweigt.

17. aber nicht nur die anzahl der digitalen weissen blätter, auch die möglichkeiten sind grenzenloser. im blog könnte ich meine eigene historie umschreiben. wenn ich wollte. ich könnte texte löschen, episoden ins nirwana des vergessens schicken. ich kann mein digitales dasein jederzeit beenden, mein blog löschen und die anderen weinend an meinem grab stehen sehen. um dann wiederaufzuerstehen, wenn es an der zeit ist. ein digitaler gott mit mir selbst.

18. und eine bühne für altkluge worte und jede dramatische geste. wo hat man das schon?

19. theater also auch. worte & präsenz. ganz und gar gegenwärtig, jetzt, ein unmittelbares existieren. (doch, doch. trotz des mediums. der anteil des vermittelten des mediums geht mehr gegen null als irgend sonst, scheint mir.)
gegenwärtig also, hier & jetzt. nur was ich jetzt im netz lese, lese ich auch. morgen finde ich es nicht mehr wieder. oder es wird überlagert von den unzähligen neuen spuren, verweisen...
und vice versa. die einzige gesetzmässigkeit, die ich beim bloggen entdeckt habe: was ich nicht sofort ins log setze, bleibt ungesagt, schreibe ich nicht mehr. morgen ist es vorbei. hat keinen bezug mehr.
bloggen ist flüchtig.
real, aber nicht in seiner ganzen gestalt zu fassen.
tägliches werden.
ich halt.

20. ganz einfach. ein erlebbares sich-entäussern. lebendiger als ein buch. greifbarer als ein autor.
eine gestalt hinter einem gaze-vorhang.

21. aber auch zerfasertes ich. so schwierig manchmal, die fadenverknüpfung, den knoten im netz, als ein ganzes zu sehen, im blick zu behalten. sich.

22. aber nicht nur ich. natürlich nicht.
in diesem digitalen raum sind ja andere. ein publikum, immer potentiell. immer real.
"ich schreibe für mich und fremde".
ein "strom, der mit strom kommuniziert".
nebelmaschine, heftige wirbel und dann: begegnung? ja!
"höhlen verbinden sich". aus monolog wird dialog. im untergrund, also per mail. oder offen. im blog. & ich wird zu einer figur in einem anderen text. und dann kann es so sein, als läse man ein lebendiges buch, in dem man selbst am rande mitspielt. & das hat eine ganz eigene faszination.
digitalReal eben.

23. ist das denn überhaupt "bloggen"?
aber ja. aber doch. aber sicher.
die freiheit. zu schreiben. und zu lesen.
oder es zu lassen.

24. ach ja: & die möglichkeiten. einfach weiterbewegen.

 

© ulrike stehling, 19. september 2002

 

 

eigene worte:

# fadenverknüpfung... (02.10.02 - ...)

# sammeln - erzählen - sich zeigen. sätze über das bloggen (19.09.02)

# digitalReal - der funke, die idee (06.11.01)

# ich ist eine fadenverknüpfung. ein knoten im netz. (2001)



andere worte:

* Daniel Diemers: Die Zukunft der Arbeit

* Das Reale im Virtuellen und
das Virtuelle im Realen entdecken!

Gespräch mit Dr. Mike Sandbothe über über den scheinbaren Gegensatz zwischen virtuellen und realen Welten, in: DIE. Zeitschrift für Erwachsenenbildung, III/2001)

* Peter Weibel, Vorstand ZKM,
im Gespräch mit Christian Häring:
Der Mitmensch wird erträglicher,
in: brandeins 09/01, 34-35


* Rusmin Causevic:
Reale und virtuelle Räume

* Carsten Zander:
Die Welt ist nur eine virtuelle Realität!

* Christian Breuel: Vom digitalen Himmel über mir

 

 

© 2001-2007 Ulrike Stehling